„Ich kann sie nur nicht ernst nehmen“ – Zum Tod des Satirikers Joseph von Westphalen

Er trat mit 14 aus der Kirche aus, schrieb Gedichte gegen Gott und las die Bibel als Roman. Der Münchner Schriftsteller Joseph von Westphalen ist tot.

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Kaum ein deutscher Satiriker seiner Generation hat sich so beharrlich an Gott, Kirche und Bibel gerieben wie Joseph von Westphalen. Der Schriftsteller ist am 29. Oktober 2026 im Alter von 81 Jahren gestorben. Bekannt wurde er mit polemischen Glossen und seinen Romanen um den Diplomaten Harry von Duckwitz.

Die Religion war für ihn ein Lebensthema, allerdings eines der Abgrenzung. „Ich bin ja sehr ungläubig“, sagte er 2009 im Gespräch mit dem Bildungskanal BR-alpha. Sein Verhältnis zur Kirche fasste er 2014 in einer Kolumne so zusammen: „Dabei hasse ich die Kirche gar nicht, ich kann sie nur nicht ernst nehmen.“

Joseph Graf von Westphalen wurde am 26. Juni 1945 im oberpfälzischen Schwandorf geboren. Den Vater, der in den letzten Kriegsmonaten ums Leben kam, lernte er nie kennen. Er wuchs in München bei der evangelischen Mutter und mehreren Tanten auf, in der Schule wurde er katholisch erzogen. Davon sei er „nicht sehr arg belästigt worden“, sagte er später.

Den Kirchgang empfand er schon als Siebenjähriger als Zumutung. Weil damals auch samstags Schule war, sei der Sonntag der einzige freie Tag gewesen, erinnerte er sich: „Das kann doch nicht wahr sein! Am Sonntag hat man frei!“ Dass es Sünde sein sollte, in der Kirche an anderes als an Gott zu denken, leuchtete ihm nicht ein. Den Ausschlag gab die Pubertät: „Als ich mit 12 Jahren meine ersten schönen kleinen Erektionen hatte, sollte das auch eine Sünde sein.“ Seine Konsequenz: „Nein, da bin ich lieber gleich ganz ausgestiegen aus der Kirche und dem Glauben.“ Mit 14 trat er aus.

Aus dem Bruch wurde sein erstes literarisches Projekt. Er habe „ganze Schulhefte vollgeschrieben“ mit Gedichten gegen Gott, berichtete Westphalen. Das sei sein erstes „Schreiberlebnis“ gewesen, und es habe ihm „unheimlich Spaß gemacht, dieses Anschreiben gegen etwas“. Das Schreiben gegen Autoritäten, gegen Kirche, Militär und Zeitgeist, wurde zum Markenzeichen seines Werks.

Ihren schärfsten Ausdruck fand Westphalens Religionskritik um die Jahrtausendwende. In der Erzählung „Die Wahrheit der Anbetung. Eine Enthüllung“ (1999) geht es um ein Originalmanuskript eines der Heiligen Drei Könige, das im Vatikan gesucht wird und das Christentum gefährden könnte. Jesus erscheint darin als „Nazarener Scharlatan“, blamiert werden soll der ganze „Christenquatsch“. Der Literaturwissenschaftler Hans-Rüdiger Schwab sprach 2004 in einer Studie zur Jesus-Rezeption von einer „Verhöhnung“.

Ein Jahr später schrieb Westphalen die Einleitung zum ersten Buch Mose in der Reihe „Das Bibel Projekt“ des Fischer Taschenbuch Verlags. Welchen Trost die Bibel Gläubigen spende, sei ihm „vollkommen egal. Das ist nicht meine Welt.“ Er las die Genesis „mit Abstand und gegen den Strich“, als „Roman in mehreren Folgen“, und bewunderte die Sprache Luthers. Selbst die gottlosesten Schriftsteller hätten „neidvoll die Wucht der archaischen biblischen Worte gerühmt“.

Den biblischen Gott dagegen zeichnete er als Tyrannen. Nach dem Sündenfall verwandle er sich „in einen Berserker“, der seine Getreuen ständig prüfe. Statt „Im Anfang war das Wort“ schlug er vor: „Im Anfang war die Prüfung.“ Auch das Kreuz verschonte er nicht: Gott lasse „seinen angeblichen Sohn“ sterben, und diese Folter werde „zum heilbringenden Opfer schön geredet“.

Seine Sympathie galt den Ungehorsamen. Adam und Eva hätten „vollkommen Recht“ gehabt, das Verbot zu ignorieren, sein Held war Esau, der auf das Erstgeburtsrecht pfeift: „Esau ist ein freier Mann.“ Am Ende wünschte er der Genesis, sie möge zu einem „schaurigen Märchen aus der grauen Vorzeit“ werden.

Im selben Jahr erklärte er in dem Essayband „So sind wir nicht. Elf deutsche Eiertänze“, er könne die jüdische Religion „sowenig ausstehen ... wie das Christentum oder irgendeine andere Religion“.

In seinem Roman „Der Liebessalat“ (2002), an dem er nach eigenen Worten sehr hing, machte er die Religionskritik zum Wesenszug seines Helden. Die Hauptfigur, der Schriftsteller und notorische Ehebrecher Viktor Goldmann, ist „ein Verächter aller Religionen“. Perfide sei nicht Gott, die Nation oder die Treue, sondern der Glaube daran: „Der Glaube war das Teuflische.“ Viktor will niemanden verletzen, außer „die religiösen Gefühle irgendwelcher hirnrissiger gläubiger Christen, Juden oder Muselmanen“. Weil Untreue in der „gottverdammten christlich geprägten abendländischen Literatur“ stets in die Katastrophe führe, bei jüdischen Autoren aber eher zu den amüsanten Sünden zähle, spielt er sogar mit dem Übertritt zum Judentum. Wie einst beim Bruch des Zwölfjährigen mit der Kirche ist es auch hier die christliche Sexualmoral, an der sich die Kritik entzündet.

Gern schlüpfte Westphalen in Rollen, die seiner eigenen Haltung nahekamen. „Ich schlage mich schlecht und recht als freier Gotteslästerer durch“, begann 2006 ein satirischer Text in der „taz“. Anlass waren der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die Kritik des damaligen ZdK-Präsidenten Hans Joachim Meyer an der MTV-Zeichentrickserie „Popetown“. Der Ich-Erzähler beklagt darin, dass Redaktionen religiöse Gefühle schonen wollten, und verspottet Christentum, Judentum und Islam gleichermaßen. Dabei griff Westphalen auch zu pauschalen Zuspitzungen über Muslime, die über Religionskritik hinausgingen.

In der Erzählsammlung „Aus dem Leben eines Lohnschreibers“ (2008) lässt er einen Schriftsteller gegen den „neuen Konservatismus“ wettern, gegen weiße Hochzeiten, Taufen und kirchliche Beerdigungen. „Glauben ist Gift“, heißt es dort. Dem Christentum als Bollwerk gegen den Islam setzt die Figur ein eigenes Ideal entgegen: „die Wonnen der Weltlichkeit und eine gepflegte Kultur der Religionsskepsis“.

Auch im eigenen Namen blieb er deutlich. In einem Essay über Vorbilder schrieb er 2011, der Tod sei immerhin zuverlässig, „anders als dieser ominöse Gott, der durch Abwesenheit glänzt“.

Im Alter wurde der Ton gelassener, die Haltung blieb. Nach der Wahl von Papst Franziskus 2013 schilderte er in seiner Kolumne „Der Flaneur“ in der Münchner „Abendzeitung“ eine Kneipenbegegnung mit zwei jungen Katholiken. Als einer hoffte, die Kirche werde wieder näher auf die Menschen zugehen, rief er: „Bitte nicht, nicht noch näher!“ Für sein Unbehagen erfand er einen Begriff: „Ich bin nur etwas sakrophob.“ Anders als Schwulen- oder Fremdenfeindlichkeit sei das defensiv: „Wenn es zu heilig zugeht, wird es mir ein bisschen blümerant.“ Als die jungen Männer meinten, auch aus ihm könne noch vom Saulus ein Paulus werden, notierte er trocken: „Das allerdings ist von mir nicht zu erwarten.“

Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. 2014 kommentierte er mit Nietzsche. Der sei für jeden „am immer noch waltenden Glaubenswahn verzweifelnden Heiden ein zuverlässiger Tröster“. Den Vorwurf eines Lesers, es fehle ihm an Respekt vor Andersdenkenden, ließ er nicht gelten.

Das Interesse an der christlichen Bildwelt verlor er dabei nie. Noch 2024 korrigierte er in einem Leserkommentar zu einem Beitrag der anthroposophischen Wochenschrift „Das Goetheanum“ die Deutung eines Gemäldes, das nicht den Erzengel Michael, sondern den heiligen Georg zeige. Er arbeite an einem Roman über einen Sammler von Georgsbildern, schrieb er dazu.

Westphalen studierte ab 1966 in München Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte und wurde 1978 mit einer Arbeit über „Die Figur des scheiternden Dichters“ promoviert. Nach Tätigkeiten bei der Verwertungsgesellschaft Wort und als Redakteur von „Westermanns Monatsheften“ lebte er seit 1987 als freier Schriftsteller in München. Für die „Abendzeitung“ schrieb er bis 2014 über 300 Kolumnen.
Zu seinen bekanntesten Büchern zählt die Romantrilogie „Im diplomatischen Dienst“, „Das schöne Leben“ und „Die bösen Frauen“. Er war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und erhielt 1992 den Ernst-Hoferichter-Preis. Als Jazzkenner stellte er CDs zu seinen Romanen zusammen und legte als DJ auf. Westphalen war verheiratet und hatte zwei Kinder.

Sich selbst nannte er einen „Lohnschreiber“, und in seine Texte müsse „immer ein Witz rein“. Länger als zwei Seiten ernst zu bleiben, gelinge ihm nicht, sagte er 2009. Das galt auch für den Glauben, den er seit der Jugend ablehnte und an dem er sich doch bis ins Spätwerk schreibend abarbeitete.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)