42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit von Amanal Petros
Hier kann man das Buch bestellen

Drei kurze Ausschnitte aus der Autobiografie von Amanal Petros
42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit

Ein wichtiger Teil meines Lebens

Über die Jahre hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass Glaube und Kirche für viele Menschen in Deutschland in ihrem Alltag keine allzu große Rolle spielen. Deswegen spreche ich selten über das Thema. Doch für mich ist der Glaube ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bin davon überzeugt, alles, was ich geschafft habe, verdanke ich Gott, meinem Schöpfer, der mich schützend in seiner Hand hält. Wir sind christlich-orthodox, und das hat meine Kindheit stark geprägt.

Eine der Kirchen, in denen ich viele Stunden verbracht habe, liegt direkt am Rande von Wukro. Regelmäßig waren wir aber auch in den Felsenkirchen, als ich noch in Tigray gelebt habe. Die sind, wie der Name schon vermuten lässt, in den Fels gehauen und nur per Aufstieg zu erreichen. Heute sind sie ein beliebtes Reiseziel, und es bis in die luftigen Höhen zu schaffen, wird von Touristen als eine Art Challenge begriffen.

Für mich, der ich damit aufgewachsen bin, war es nie ein Problem, barfuß die Steinwände zu erklimmen. Ich habe mir darüber, wie auch die anderen Kinder, gar keine Gedanken gemacht, wir wussten, wo wir gut greifen und wo unsere Füße festen Halt finden können, und sind schnell und furchtlos die steile Wand hinaufgeklettert.

Wofür ich nicht mehr bete

Wenn ich über den Krieg in Tigray nachdenke, dann nicht darüber, wie er mein Leben in der Vergangenheit verändert hat, sondern was er jetzt für meine Mutter und Schwestern, für meine ganze Verwandtschaft und alle, die ich dort kenne, bedeutet. Ich wünschte, meine Familie könnte ebenfalls fliehen und wir vier wieder zusammenleben, in Freiheit. Ich bete jeden Tag, dass ihre Leben sicher sind, dass Gott sie behütet und seine Hand schützend über sie hält. Auch für ein Ende dieses Konflikts bete ich.

Aber anders als noch in meiner ersten Zeit in Deutschland bete ich nicht mehr dafür, dass ich in mein Land zurückkehren darf. Tigray bleibt Heimat für mich und Wurzeln, mein Zuhause aber ist nun hier in Deutschland. Das empfinde ich schon länger so, und auch deshalb bin ich einfach nur glücklich darüber, nun ein echter Deutscher zu sein.

Gottes Plan

Vor dem Start des Rennens bin ich ganz ruhig. In den vergangenen Tagen habe ich intensiv nachgedacht, viele Gespräche geführt und noch öfter als sonst gebetet. Nach und nach habe ich es so geschafft, mich aus dem Frust der letzten Wochen herauszuarbeiten und mich daran zu erinnern: Gott zu vertrauen bedeutet, auch vermeintlich schlechtere Phasen als das anzunehmen, was sie sind: Teil seines Plans.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)